TÖDI PIZ RUSSEIN 2009

Jul 05, 2009
TÖDI PIZ RUSSEIN 2009
 
Photo
 
OHNE STÖRENDE GERÜCHE UND SCHNARCHGERÄUSCHE!
Wie schwer der Tödi zugänglich ist, erfuhren die elf SAS-ler und «zugewandten Orte» am eigenen Leibe, als sie sich im Morgengrauen des 5. Juli 2009 nach kurzer Nacht unter Dres Schilds Führung den ersten, langen Aufschwung in die weit oben sichtbare Lücke, die Fuorcla da Punteglias, hinaufkämpften. Was sie noch nicht ahnten: Es war erst der erste Aufschwung; weitere sollten noch folgen.
Dabei versprach doch der Aufstieg am Vortag zur SAC-Hütte Punteglias durch liebliche Alpweiden und entlang von murmelnden Bächen, verkürzt durch einen Taxitransport vom Bahnhof Trun im Vorderrheintal auf die Alp da Schlans, eine eher beschaulichere Tour. 
In der Hütte erwartete uns zudem ein angenehmer Komfort: Nachtessen mit Dreigangmenu und gutem Tropfen sowie tadellose Matratzenlager. 
Doch schon der Tagesbefehl von Dres für den nächsten Tag liess Schlimmes ahnen: Tagwacht um 3:00! Wir gingen also früh in die Federn und erlebten - für den Schreibenden ein absolutes Novum - eine Nachtruhe ohne störende Gerüche und Schnarchgeräusche. 
Lag dies darin, dass mit Marie-Luce Delez und Tamara Lauber zwei Frauen unter uns ruhten, was uns Männern noble Zurückhaltung auferlegte? Oder zeigte die Empfehlung von Dres, keinen Salat zu essen, positive Wirkung, da dieser Salat im Verdauungstrakt mit entsprechenden Folgen gären würde? Wie dem auch sei: Wir starteten guter Dinge um 4:00 im Schein der Stirnlampen zu unserem Abenteuer.
Die Anwälte sind ein besonderer Schlag. Herbert Trachsler gehört dazu. 
Während wir bereits schwer atmend der Fuorcla da Punteglias entgegenstiegen, sprach er ohne Unterbruch auf seine Freunde ein. Das Mundwerk eines Anwaltes muss anders konstruiert sein als bei einem normalen Menschen - denn selbst in der Evolutionsstufe des 20. Jahrhunderts ist der Mensch eigentlich nicht in der Lage, schwer zu atmen und gleichzeitig fliessend zu sprechen. 
So die Regel, in der die Anwälte offensichtlich die Ausnahme sind, die diese bestätigen. Der Schreibende begann mit jedem Höhenmeter etwas mehr Respekt vor den Anwälten zu haben. Ob Herbert Wesentliches oder Unwesentliches äusserte, ist nicht überliefert. Vermutlich nahm er sich das Gespräch während des Nachessens in der Hütte zu Herzen, wo festgehalten wurde, dass man tunlichst nur Wesentliches von sich geben sollte. 
Auch Dres äusserte während der kurzen Rast auf der Fuorcla da Punteglias Wesentliches: Geologisch gehöre der Sockel des Tödi zum östlichsten Teil des Aaremassivs. Über diesem altkristallinen Grundgebirge aus Granit und Gneissen liege der Scheitel diskordant: Am Fuss Dolomit aus der Trias, darüber Kalkgestein aus der Jurazeit. Alles klar?
Nach einem kurzen Abstieg jenseits der Fuorcla da Punteglias folgte der zweite, lange Aufschwung, zuoberst mit einer sehr steilen Flanke. 

In diesem Flankenaufstieg kann man sich an einer Kette sichern, welche unser SAS-ler Eugen Deflorin freundlicherweise vor einigen Jahren installiert hatte. Da genügend Schnee in der Flanke lag und wir mit Steigeisen ausgerüstet waren, benötigten wir dieses Hilfsmittel nicht. Erwartungsvoll erklommen wir so die Porta da Gliems und wähnten uns schon fast an der Tür zum Gipfel. 

Stattdessen erblickten wir vor uns einen dritten, gewaltigen Aufschwung, und weit oben den Gipfel des Piz Russeins. Von «Tür zum Gipfel» keine Spur, das war erst der Vorgarten!

Der folgende, kurze Zwischenabstieg auf den Gletscher war eine trügerische Erleichterung ? doch davon später. Anschliessend, auf dem obersten Bifertenfirn, setzten wir Schritt vor Schritt, Nebel kam auf, die Zeit verlor ihr Mass, und nach 6 Stunden Aufstieges erreichten wir auf 3614 m den Gipfel in Wolken. Von den umliegenden Gebirgszügen keine Spur, geschweige denn von klarer Weitsicht. 

Der Tödi verhüllte sei Haupt. Das Gipfelphoto war schnell gemacht; es war ungemütlich kalt, ein Schluck Vecchia Romagna aus der noblen Palace-Flasche wärmte kurz auf. 

Da hatten es die SAS-ler bei der zweiten Bergtour unter der Aegide von Sir Grimmsky vor 42 Jahren besser; sie erreichten den Gipfel bei strahlendem Sonnenschein.


Der Abstieg war eben kein reiner Abstieg, er war unterbrochen von zwei Zwischenaufstiegen ? siehe oben ? die es in sich hatten. Wir aktivierten dabei unsere letzten Kraftreserven. 

Nur Tamara meinte, diese Tour sei «nichts im Vergleich mit der Eil-Besteigung des Matterhorns» (in total fünf Stunden für Auf- und Abstieg). Aber eine Zermatter Gämse ist eben aus ganz anderem Holz geschnitzt als Flachland-Hirsche aus der «Üsserschwiz». 

Da wir bisher nicht zum Klettern kamen, verhalf uns Dres beim letzten Abstieg-Aufschwung als Zugabe zu einer netten Kletterpartie. 

Im anschliessenden kleinen Marschhalt bot Herbert dem Schreibenden von seinem Käse an. Allerdings gestand er, dass er damit nur seinen Rucksack erleichtern wollte. Der Respekt des Schreibenden vor den Anwälten sank wieder leicht...
 

Der Abstieg nach Trun führte durch alle alpinen Florazonen mit farbenprächtigen, abwechselnden Blumenweiden und intensiven Pflanzendüften. Wenn nicht die zunehmende Dehydrierung den Geist gelähmt hätte, wäre dieser Abstieg ein Höhepunkt der Tour gewesen: 

Er alleine wäre es Wert gewesen, diese Tour durchzuführen. 

Spätestens jetzt rächte es sich, dass der Rucksack statt der empfohlenen 8 kg ganze 25 kg wog. Müde, zum Teil erschöpft, aber jeder mit sich zufrieden erreichte die Gruppe 13 Marschstunden bzw. 1500 Aufstiegs- und 3000 Abstiegshöhenmeter nach dem Aufbruch um 4:00 das erfrischende Bier in Trun. 

Dres gelang es, dem SAS mit perfekter Führung ein eindrückliches, unvergessliches Bergabenteuer zu vermitteln.

Wie ein Bollwerk steht er zuhinterst im Tal und dominiert majestätisch die umliegenden Gebirgszüge. Er ist stark vergletschert und schwer zugänglich.

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